Interview mit Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG
Neustart für die Deutsche Bahn

Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG; Foto: Deutsche Bahn AG/dpa/Christoph Soeder
Seit Oktober stellt die neue Bahnchefin Evelyn Palla die Weichen für ein neues Kapitel bei der Deutschen Bahn. Ihr Ziel: Die „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ soll endlich Realität werden. Drei Sofortprogramme sollen Bahnhöfe spürbar sicherer und sauberer machen, den Komfort im Fernverkehr erhöhen und die Kundeninformation verbessern – lange bevor die große Generalsanierung des Netzes abgeschlossen ist. Im Interview mit dem InnoTrans Report erläutert Palla, wie sie "Fahren und Bauen" im neuen Infrastrukturressort bündelt, weshalb 2026 zum Umbaujahr für Konzern und Netz wird und warum ein schlanker, dezentral geführter Konzern ihrer Überzeugung nach der Schlüssel für mehr Pünktlichkeit und Kundenzufriedenheit ist.
Innotrans Report:
Welche konkreten Veränderungen werden die Kundinnen und Kunden durch die Umsetzung der „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ spüren?
Evelyn Palla: Gemeinsam mit Bundesverkehrsminister Schnieder haben wir in der vergangenen Woche den Startschuss für das erste Sofortprogramm gegeben. Im Mittelpunkt stehen mehr Sicherheit, die wir gemeinsam mit Bundes- und Landespolizei gewähr leisten wollen – und deutlich mehr Sauberkeit an den Bahnhöfen. Genau das sind Punkte, die unsere Kundinnen und Kunden unmittelbar wahrnehmen. Zwei weitere Sofortprogramme folgen: eines für mehr Komfort im Fernverkehr und eines für eine deutlich bessere Kundeninformation. Damit senden wir ein klares Signal: Auch wenn die grundlegende Sanierung der Infrastruktur und damit eine nachhaltige Verbesserung der Pünktlichkeit Zeit brauchen, wollen wir nicht warten. Wir wollen jetzt spürbare Verbesserungen erreichen. Unsere Kundinnen und Kunden sollen merken: Die Deutsche Bahn wird Schritt für Schritt besser.
Wie wollen Sie den Spagat zwischen Spannungsbogen und Generalsanierung des Netzes, laufendem Betrieb und Wachstumszielen im Personen- und Güterverkehr organisieren, ohne die ohnehin angespannte Betriebs qualität weiter zu verschlechtern?
Evelyn Palla: Die Belastung des Schienennetzes ist heute extrem hoch – und sie wird es auch bleiben. 2026 wird ein echtes „Superbaujahr“ mit so vielen Baustellen wie noch nie zuvor. Aber es gibt keine Alternative: Nur durch diese umfassenden Arbeiten können wir die Pünktlichkeit dauerhaft verbessern. Unser Ziel ist, den Betrieb dabei so stabil wie möglich zu halten. Dafür setzen wir auf zwei zentrale Hebel: Erstens bringen wir Fahren und Bau en deutlich besser zusammen. Mit der Neuaufstellung der DB InfraGO bündeln wir beide Bereiche erstmals in einem Ressort. Das schafft klare Verantwortung vor Ort in den Regionalbereichen und legt den Fokus stärker als in der Vergangenheit auf die Pünktlichkeit. Zweitens reduzieren wir ungeplante Baustellen. Ab 2027 werden im Jahresfahrplan feste Zeitfenster für Bauarbeiten eingeplant. Das heißt: Auf bestimmten Strecken gibt es regelmäßig vorgesehene Sperr zeiten, in denen wir gebündelt reparieren, was anfällt. Weil diese Zeiten von vornherein im Fahrplan stehen, entstehen daraus keine zusätzlichen Verspätungen. Die Pünktlichkeit bleibt 2026 dennoch eine große Herausforderung.
Welche Struktur halten Sie langfristig für notwendig, um die Deutsche Bahn wirtschaftlicher und gleichzeitig kundenorientierter aufzustellen?
Evelyn Palla: Die Deutsche Bahn braucht einen klaren und konsequenten Kundenfokus. Dafür richten wir den gesamten Konzern stärker auf unser Kerngeschäft aus. Mein Ziel ist ein schlanker, deutlich dezentraler geführter Konzern. Die Verantwortung soll künftig verstärkt dort liegen, wo die Leistung entsteht – vor Ort. Die Zentrale werden wir spürbar verkleinern. Sie soll sich künftig nur mehr auf Governance-Aufgaben konzentrieren. Das ist weit mehr als eine organisatorische Maßnahme. Das ist ein radikaler Konzernumbau und die Voraussetzung, um schneller entscheiden, besser umsetzen und insgesamt leistungsfähiger zu werden. Und genau das zahlt am Ende sowohl auf die Kundenzufriedenheit als auch auf die Wirtschaftlichkeit ein.
Welche konkreten Schritte planen Sie in Ihrer Amtszeit in diese Richtung?
Evelyn Palla: Wir haben wie gesagt einen echten Neustart im DB-Konzern begonnen. Es sind die tiefgreifendsten strukturellen Veränderungen seit der Bahnreform 1994 – und wir setzen sie in hohem Tempo um. Erste Schritte sind bereits erfolgt: Zum Beispiel haben wir den Konzernvorstand zum 1. Januar von acht auf sechs Mitglieder verkleinert. In diesem Jahr folgen weitere Maßnah men. 2026 wird das Jahr des eigentli chen Konzernumbaus. Parallel treiben wir die Sanierung der Infrastruktur voran, um die Pünktlichkeit zu verbes sern, und setzen auf viele kleine Schrit te, die unsere Kundinnen und Kunden ab sofort direkt spüren – etwa durch die drei Sofortprogramme. Mein Anspruch ist klar: Die Deutsche Bahn muss einfacher, schneller und kundenorientierter werden. Sie soll wie der zur Nummer 1 unter den europäi schen Eisenbahnunternehmen werden.
Frau Palla, vielen Dank für das Interview.